Wie es begann im Frühjahr 1998

M. und T. sind dicke Freunde. Sie wohnen in derselben Straße und gehen zusammen in den Kindergarten und zur Musikschule. Nach den Ferien kommen sie in die Schule. Ihre Vorfreude ist, wie bei allen künftigen Erstklässlern, groß. Sie haben sich schon einen Schulranzen ausgesucht und planen selbstverständlich nebeneinander ganz vorne zu sitzen.

Nichts Besonderes? – Für M. und T. schon!

M. hat eine geistige Behinderung. Sein Lernort ist die Schule für Geistigbehinderte. Eine solche Sonderschule gibt es jedoch nicht in Nellingen. Und trotzdem saßen die beiden Kinder vier Jahre lang im gleichen Klassenzimmer.

M. besuchte die erste von bislang drei Außenklassen der Rohräckerschule in der Klosterhofschule. Außenklasse heißt: Eine Klasse der Sonderschule geht mit ihren Lehrerinnen an eine Grundschule und kooperiert mit einer Klasse der Grundschule.



Zusammen lernen

So lernen Kinder mit und ohne Behinderung so viel wie möglich zusammen. Sie lernen mit- und voneinander in den Unterrichtsfächern aber auch im alltäglichen Miteinander, bei Festen, bei Ausflügen und bei besonderen Vorhaben, im Schullandheim, bei Theateraufführungen oder auch bei gegenseitigen Besuchen zu Hause in der Freizeit: Da ist es normal, verschieden zu sein.

Genau das merkten auch M. und T. und mit ihnen 23 Mitschüler. 25 Schüler waren beisammen - sechs Schüler der Rohräckerschule und 19 Schüler der Klosterhofschule. Im 1. Schuljahr waren alle bis auf den Mathematik- Unterricht immer zusammen, haben gemeinsam lesen gelernt, gebastelt, musiziert, gespielt, Sport getrieben und sich mit den verschiedensten Themen aus dem Heimat- und Sachunterricht beschäftigt. Jede, jeder so wie sie, er konnte.




Sport mit Reifen

Lernangebote

Es gab verschiedene Lernangebote in Stationen, an Lerntheken oder in Gruppen- und Partnerarbeit, wo alle – je nach Fähigkeit und Tempo – miteinander oder allein arbeiten und lernen konnten. Manchmal brauchte M. Hilfe von T. oder anderen Grundschülern. Vieles schaffte er bald ganz selbstständig. Oft half es auch den Grundschülern, zuerst etwas „leichtere“ Aufgaben zu bewältigen um dann zum schwierigen weiter gehen zu können. Am Ende von Klasse 1 waren M. und T. gleichermaßen an der Präsentation ihrer Gruppenarbeit über Haustiere beteiligt und stellten stolz und kompetent ihre Ergebnisse den anderen vor.

Im 3. und 4. Schuljahr reduzierte sich der gemeinsame Unterricht etwas. Einige Deutsch-Stunden wurden nun getrennt unterrichtet. Doch in den anderen Fächern hatte sich nichts geändert. Das differenzierte Angebot, das manchmal langsame, dafür umso gründlichere Lerntempo, die konkreten Lerngegenstände kamen allen Kindern zugute.

Diese positiven Erfahrungen setzten sich auch in den weiteren Außenklassen in der Klosterhofschule fort. Eine ist derzeit im 4. Schuljahr, eine 1. Klasse hat dieses Jahr neu begonnen. Jeden Tag sind wir 2-3 Stunden zusammen, lernen, feiern, wandern, machen Museumsbesuche, spielen Theater, musizieren, streiten, halten Klassenrat, helfen einander.




Herstellung von Apfelmus

Auch Lehrerinnen lernen

Das Lernen mit und voneinander schließt auch die Lehrerinnen mit ein. Auch sie können voneinander lernen: Die Grundschule z.B. von der Differenzierung und vom Blick auf die individuellen Fähigkeiten und Kompetenzen des einzelnen Kindes, die Sonderschule davon, den Kindern mehr zuzutrauen, von der Weiterentwicklung von Inhalten und einer auf die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler ausgerichteten Didaktik in den Unterrichtsbereichen. Dass in der Vielfalt eine Chance liegt, erfahren alle täglich im Schulalltag.

Die Zusammenarbeit von Grundschule und Sonderschule bedeutet durch die Vielfalt der Anforderungen eine persönliche Bereicherung und bewirkt eine Erweiterung des Handlungsrepertoires der Lehrerinnen.
In der Kooperation von Grundschule und Sonderschule sind sie deutlich umfangreicher angesprochen
und gefordert – sowohl in der pädagogischen als auch in der methodisch-didaktischen Kompetenz. Dies kommt letztendlich allen Schülerinnen und Schülern (egal welcher Schulart sie zugeordnet sind) zugute.




Vorbereitung zum Klassenrat

Persönliche Eindrücke

Kinder der Grundschulklasse 4b sagen:

Ich fühle mich in meiner Klasse sehr wohl. Es ist toll, dass Kinder aus der Rohräckerschule dabei sind, aber auch anstrengend. Wir haben von ihnen die Gebärdensprache gelernt und wir können ihnen bei schwierigen Aufgaben helfen. Wir haben tolle Feste im Garten der Rohräckerschule gefeiert. Ich täte mir wünschen, dass es auch an anderen Schulen solche verschiedenen Kinder gibt. Ich finde es sehr schade, dass andere Kinder in der Pause die Kinder von der 4c auslachen oder ausnutzen. Ich fände es besser, wenn alle sich so behandeln wie sie selber behandelt werden wollen.
Es ist normal, verschieden zu sein.

Kinder der Außenklasse 4c sagen:

„Mit der 4b ist es gut, da gibt es viele tolle Sachen im Zimmer. Wir machen oft Spiele.“
„Es ist schön, dass ich neben M. sitze.“
„Es gibt viele Freunde.“
„In der Pause spielen die Jungs und die Mädchen Fangen und Verstecken, das macht Spaß.“
„P. (aus 4b) ist mein Freund.“

Lehrerinnen der beiden Klassen sagen:

Beglückende Momente in meiner Zeit als Lehrerin in der Außenklasse sind für mich besonders jene Situationen, in denen sich Menschen ehrlich, unverfälscht und respektvoll begegnen. Dies kann ich im Schulalltag in der Klosterhofschule immer wieder erleben.


(Ute Flaig, Mechthild Falk, Frühjahr 2008)