Manchmal sind wir unserer Zeit voraus ....



Als ich 1997 als Schulleiterin an die Klosterhofschule kam, war hier bereits ein körperbehindertes Kind eingeschult, das trotz seiner körperlichen Beeinträchtigungen unsere Schule ganz normal durchlaufen konnte.

In mein erstes Schuljahr kam ein Junge, dessen Sehfähigkeit unter 10 % lag. Zugegeben - es war nicht immer einfach, seinen Bedürfnissen gerecht zu werden, doch dank der Kooperation mit einem engagierten Kollegen der Sehbehindertenschule konnte er bleiben und die ersten beiden Schuljahre erfolgreich absolvieren. Dass er uns dann doch verließ war richtig, denn es fehlten uns naturgemäß die speziellen Hilfsmittel für Sehbehinderte, die er für seine weitere Schulbildung dringend brauchte. Erschreckend hatte ich ein Beispiel für "Integration" aus Italien in Erinnerung, wo ich im Rahmen einer Studienreise hospitierte: das blinde Mädchen saß den ganzen Morgen neben der Lehrerin, es wurde quasi nur "aufbewahrt" - dass es etwas gelernt hat, bezweifele ich ebenso wie seine Integration in den Klassenverband. Früh schon wurde mir bewusst, dass Integration großartige Chancen bietet, wann immer sie möglich ist, dass ihr jedoch auch Grenzen gesetzt sind.

Doch der Grundstein für eine Schule, die Kinder mit Behinderungen und Beeinträchtigungen willkommen heißt, war gelegt. So war ich offen, als eine betroffene Mutter auf mich zukam, deren Ziel es war, eine Außenklasse der Schule für Geistigbehinderte an unserer Schule zu initiieren, ein Modell, von dem ich bis dato nur gehört hatte.

Ich informierte mich bei einer mir bekannten Schulleiterin, an deren Schule dies bereits verwirklicht war - ihre begeisterte Schilderung der positiven Erfahrungen überzeugte mich sofort - nun galt es, das Kollegium dafür zu gewinnen. Die Offenheit und das Interesse, mit der mein Anliegen aufgenommen wurde, beeindruckten mich sehr. Schnell kam man überein, sich zu informieren und fortzubilden. Nachdem die (nicht gerade kleinen) bürokratischen Schwierigkeiten überwunden waren und diese erste Außenklasse im Landkreis genehmigt worden war, informierten wir unsere Elternschaft und ich war auch hier von der großen Akzeptanz beeindruckt.
Kurzum: 1998 kam die erste Außenklasse und mit ihr eine Fülle von Erfahrungen. Die Kolleginnen der Sonderschule und der Klosterhofschule verstanden sich auf Anhieb, bildeten sich gemeinsam fort und führten die kooperierenden Klassen 4 Jahre lang erfolgreich und gerne - ein Glücksfall für den Anfang!

Es war schnell klar, dass wir dieses Erfolgsmodell fortsetzen wollten: inzwischen ist die vierte Außenklasse im Haus und wir wollen auch weiterhin versuchen, jeweils im Abstand von zwei Jahren eine weitere einzuschulen. Unsere "G-Kinder" und ihre Lehrerinnen sind aus unserem Haus nicht mehr wegzudenken, sie sind eine Bereicherung. Diese Einschätzung wird zu meiner Freude vom Kollegium und der Elternschaft rückhaltlos geteilt.

Aber auch weitere, körperlich beeinträchtigte Kinder fanden den Weg zu uns:
Ein erstes Kind im Rollstuhl wurde 1999 eingeschult - mit Hilfe einer vom Schulträger unbürokratisch genehmigten und eingebauten Rampe in die erste Ebene unseres Schulhauses und dank der Begleitung durch einen Zivildienstleistenden war sein Durchlaufen der Grundschule kein Problem. Und wir erkannten den positiven Einfluss der Integration auf die anderen Kinder: selbstverständlicher Umgang, Rücksichtnahme, Hilfestellung wo erforderlich - all dies lernten sie in ihrem normalen Schulalltag.

Es folgte ein hörgeschädigtes Kind: Kopfhörer für das Kind und Mikrofon für den Lehrer - das war alles, was wir brauchten.

Als 2007 ein Mädchen im Rollstuhl eingeschult wurde war schnell klar, dass die Schule zu wenig behindertengerecht ausgestattet ist: neue Rampen zur Eingangstür und in den Schulhof wurden installiert und zunächst genügte das. Doch das Kind blieb auf die erste Ebene des Hauses festgelegt, die Teilnahme an Aktivitäten, die in anderen Stockwerken stattfinden, ist erschwert und erfordert die Hilfeleistung einer weiteren Person. Für den Moment ist sie gefunden, doch wie wird es weitergehen?

2010 schulen wir ein weiteres körperbehindertes Kind ein, das auf Rollator und Rollstuhl angewiesen ist.
Und andere interessierte Eltern fragen an …. – es hat sich herumgesprochen, dass wir offen sind und auf Erfahrungen im Umgang mit Behinderungen zurückgreifen können.



Was wir brauchen ...



Um den Alltag zu erleichtern und mehr körperbehinderte Kinder beschulen zu können, braucht es vor allem ein barrierefreies Haus, die Rampen genügen nicht mehr:

Eine behindertengerechte Toilette ist ein weiterer Schritt – sie ist uns so gut wie versprochen und muss nur noch finanziert werden …. Wir hoffen, sie zum Schuljahresbeginn 2010 installiert zu sehen!

Unser im wahrsten Sinne des Wortes größter Wunsch ist ein Aufzug! Zwar bin ich sicher, dass unser Schulträger diesen Wunsch versteht, der Gemeinderat grundsätzlich zustimmt, denn immerhin wurden die Einbaumöglichkeit in das hundertjährige Haus geprüft und ein Kostenvorschlag eingeholt – doch woher die finanziellen Mittel in Zeiten leerer Kassen kommen sollen, das steht in den Sternen.

Oder gibt es irgendwo Sponsoren?? Die Installation eines Schildes mit Namen der Gönner wäre das kleinste Problem!



Nicht nur die UN-Konvention macht uns Mut ....



Gewiss, der Weg zur Inklusion ist noch weit. Und es ist nicht allein an der einzelnen Schule, ihn zu gehen. Da braucht es (schul-)politische Entscheidungen, da braucht es räumliche, personelle und sächliche Voraussetzungen. Dies alles wird sich hinziehen.

Doch wir werden den Weg für uns konsequent verfolgen, die Bereitschaft und das Engagement des Kollegiums sind ungebrochen, Lehreranwärter wählen uns wegen unseres Profils als Ausbildungsschule, Eltern behinderter wie nicht behinderter Kinder wissen wir hinter uns.

Die erfolgreiche Arbeit der letzten Jahre bestätigt uns in unserem Tun ebenso wie die zunehmenden Anfragen der Eltern betroffener Kinder – auch ein autistisches Kind findet im Herbst 2010 zu uns – dies alles macht Mut.

Was mich aber immer wieder am meisten bewegt, ist die einhellige Aussage von Besuchern: „In Ihrem Haus herrscht eine besondere, eine harmonische Atmosphäre, man spürt, dass die Kinder gerne hier sind.“ Diesen Satz höre ich oft und freue mich immer wieder darüber, und er macht mich auch ein wenig stolz auf unsere Schule ….

Cornelia Pfirrmann, Mai 2010