Ein Rollikind in der Regelschule - wie geht das?



Eine Grundschullehrerin berichtet

September 2009, Schuljahresbeginn. Gespannt erwarte ich den ersten Schultag. Ich werde ab diesem Schuljahr eine Kooperationsklasse unterrichten. Das bedeutet: 18 Grundschulkinder und 5 geistig behinderte Kinder (Außenklasse der Rohräckerschule) werden von einer Grundschul-
lehrerin und zwei Sonderschullehrerinnen unterrichtet. Bei den Grundschulkindern ist ein Mädchen im Rollstuhl dabei. Ich kenne die lustigen Kinder der Außenklasse vom Schulhof und natürlich auch Flori im Rollstuhl. Sie fällt auf durch ihre offene und freundliche Art. Am Ende der großen Pause wartet sie geduldig bis sich der große Ansturm gelegt hat und rollt erst dann die ihr vorbehaltene Rampe hoch.

Wie soll das im Unterricht gehen? Ich bin gespannt. Flori hat einen Spezialstuhl und Stöcke, mit denen sie sich eine gewisse Strecke ohne Rolli fortbewegen kann und sie kann wunderbar krabbeln. Am Morgen kommt sie ins Klassenzimmer, von Freundinnen umringt, bleibt in der Tür stehen. Es wird erst einmal erzählt. Irgendwann scheuche ich alle nach drinnen, damit der Unterricht beginnen kann. Ich bin erleichtert. Es ist alles ganz normal.
In Stuhlkreis kann sie mit ihrem Stuhl rollen. Sitzen wir auf dem Boden, nimmt sie die Stöcke oder krabbelt zu unserem Teppich. Die Kinder, die mit ihr zusammen eine Gruppenaufgabe erledigen, setzen sich um ihren Tisch.
Nach einigen Tagen werden Klassendienste verteilt. Wir teilen auch einen „Floridienst“ ein. Es wird besprochen, was seine Aufgaben sind:
- Den Rollstuhl morgens in die Ecke des Klassenzimmers zurückfahren
- Vor der großen Pause den Rollstuhl wieder holen
- Floris Hefte und Bücher aus dem Regal hinten holen und wieder zurück bringen
Rollifahren ist beliebt. Ich ermuntere die Kinder zu fahren und nicht zu schieben. Es macht Spaß und gibt jedem Kind die Perspektive eines Rollifahrers. Man braucht keine großen Worte mehr.
Es stellt sich heraus, dass meine Auffassung des Floridienstes und die von Flori unterschiedlich ist. Sie sagt: Der Dienst muss alles holen und machen, was ich brauche und was ich vergessen habe. Ich kläre mit ihr, dass das andere Kind nicht ihr Sklave ist und nicht ihr Gedächtnis ersetzt. Sie selbst muss überlegen und wissen, was sie braucht. Der Dienst hilft ihr beim Transport. Die Verantwortung liegt bei ihr. Ich achte darauf, dass jeder an die Reihe kommt, es wird aber niemand zum Floridienst gezwungen.
Wir alle wollen, dass Flori genau gleich behandelt wird wie alle anderen, sie selbst will es am meisten. Dass es dabei Grenzen gibt, wissen wir auch. Die auszuloten ist unsere Aufgabe. Sie möchte zum Beispiel Austeildienst und Tafeldienst machen wie alle anderen. Ich meine, in der Grundschule ist das in Ordnung. Austeilen oder Tafelwischen darf etwas länger dauern, wenn Flori und ihr Dienst diese Aufgaben gemeinsam erfüllen.

Manchmal gibt es Überraschungen oder ich stoße an die Grenzen meiner Fantasie. Ein Mädchen wünschte sich, dass Flori beim Hochleben an ihrem Geburtstag dabei ist. (Das Geburtstagskind sitzt auf einem Stuhl und vier ausgewählte Kinder drum herum lassen das Geburtstagskind mitsamt Stuhl hochleben.) Ich versprach darüber nachzudenken und wir fanden eine Lösung. Ich stellte mich dicht hinter Flori. Sie konnte sich an mich lehnen und wir hoben den Stuhl gemeinsam an.
„Normale“ Probleme von Kindern diesen Alters wirken sich bei Flori häufig anders aus. Viele Kinder sind langsam, Flori ist es auch. Bei ihr sind aber andere Kinder oder Lehrer mit betroffen. So helfe ich zum Beispiel zu Beginn der Pause häufig beim Aufräumen und Anziehen. Sonst wäre Flori vielleicht erst fertig, wenn die Pause zu Ende ist. Muss ich dann noch kurz mit der Sonder-
schullehrerin eine Absprache treffen, ist die Pause um, ohne dass ich einen Blick ins Lehrer-
zimmer geworfen habe, um wenigstens den Vertretungsplan zu lesen oder einen Kollegen zu treffen.

Schwierige Situationen sind in einer kombinierten Klasse meist leichter zu lösen als in einer normalen Klasse. Der Vorteil ist, dass eine zweite verantwortliche Lehrkraft da ist. Auch bei getrenntem Unterricht kann man die Kinder für kurze Zeit zusammen nehmen. Einer ist frei, um zu telefonieren, mit Flori auf die Toilette zu gehen etc.
Ausflüge, Theaterbesuche und ähnliche Aktivitäten müssen mit einem Rollikind noch genauer geplant werden. Auch da ist es hilfreich, dass normalerweise zwei Sonderschullehrerinnen dabei sind, die im Zweifel auch bei Flori mit anpacken.

Eine Gefahr für uns Pädagogen kann sein, dass wir unser Augenmerk zu sehr auf die „besonderen“ Kinder legen. Das unauffällige, angepasste und schüchterne Grundschulkind bekommt möglicherweise zu wenig Aufmerksamkeit: Denn sein Problem sticht nicht ins Auge, bedarf aber dennoch unserer Beachtung. Wir versuchen durch regelmäßige Gespräche im Team. aber auch durch Elterngespräche unsere Wahrnehmung zu schulen, um allen Kindern gerecht zu werden.

Ein Kind im Rollstuhl ist eine Bereicherung für die Erfahrungswelt von Erwachsenen und Kindern, genauso wie unsere geistig behinderten Schüler uns andere Perspektiven lehren und uns vor neue Herausforderungen stellen. Wir erleben alle einen selbstverständlichen und erfreulichen Umgang miteinander, müssen aber auch lernen, dass jeder unterschiedliche Grenzen hat, die wir, auch wenn es uns schwer fällt, lernen müssen zu akzeptieren.

(Susanne Schultz, April 2010)





Eine Mutter berichtet

Unsere Tochter Florentine ist jetzt 8 Jahre alt und sie geht in die 3. Klasse der Klosterhofschule in Nellingen. Am 21.10.2001 wurde sie mit spina bifida (angeborene Querschnittlähmung) geboren. Die ersten Stationen waren die Frühbetreuung an der Rohräckerschule durch Frau Epple und ein Jahr Kindergarten für Körperbehinderte. Da wir als Eltern immer schon die Regelschule im Blick hatten, wechselte Florentine nach einem Jahr in den ortsansässigen evang. Olgakindergarten. Dort wurde für unsere Tochter eine Hilfe organisiert, die ein freiwilliges soziales Jahr leistete. Mit dieser Hilfe und den tollen Erzieherinnen kam Florentine im Olgakindergarten gut klar und hatte eine wunderschöne Kindergartenzeit, in der schon damals viele soziale Kontakte geknüpft wurden.

Als im Oktober geborenes Kind war unsere Tochter 2007 ein „Kannkind“, was die Einschulung betraf. Mit gemischten Gefühlen sprachen wir damals bei der Rektorin der Klosterhofschule (Wohnortschule) vor und fragten an, ob die Beschulung eines Rollikindes möglich wäre. Total erleichtert gingen wir heim, denn die spontanen Aussagen waren einfach schön und wohltuend, so z.B.: „Ja, Ihr Kind kann kommen. Wir sind offen für Integration. Wir hatten schon einmal ein Rollstuhlkind an der Schule und außerdem derzeit eine G-Außenklasse der Rohräckerschule. Details müssen natürlich noch geklärt werden.“

Wir haben uns dann zur vorzeitigen Einschulung entschlossen, da im Schuljahr 2007/2008 eine weitere Außenklasse in Planung war. Florentine wird zwar im Regelzug unterrichtet aber sie und ihre Klassenkameraden haben teilweise gemeinsamen Unterricht mit den Kindern der G-Außenklasse. Problemlos funktioniert das zum Beispiel in Musik, Sport, HUS, Kunst und teilweise auch im Deutschunterricht.

Zu Beginn der Schulzeit wurde noch durch H. Grupp (Rohräckerschule) geprüft, ob Florentine integriert werden kann. Außerdem haben wir gemeinsam die Schule nach Barrieren überprüft. In der Mädchentoilette wurde eine Liege aufgestellt und ein Vorhang zum Abtrennen aufgehängt. Dort wird Florentine einmal täglich vom Pflegedienst katheterisiert. Im Schulhof wurden noch 2 Holzrampen angebracht, damit Florentine alleine in den unteren Schulhof sowie ins Schulgebäude gelangen kann. Das Schulgebäude selbst ist 100 Jahre alt und nicht sehr barrierefreundlich. Im Schulhaus gibt es eine Rampe, die auf einer Strecke von 7 Metern sieben Treppenstufen überwindet. Sie ist also etwas steil, aber sie ist da. Und meist ist auch eine helfende Hand von Mitschülern oder Lehrern bereit, Florentine hinaufzuschieben.

Von der Schulleitung wurde gelegentlich der Hinweis gegeben, dass man auch einen ständigen Begleiter organisieren könnte, da das Rollikind, das vor uns an der Schule war, einen solchen Begleiter hatte. Nun haben wir als Eltern ein Problem: Wir wollen unser Kind zu weitgehender Selbstständigkeit erziehen, wissen aber darum, dass man das eine oder andere Mal unterstützen oder auch helfen muss. Unsere Sorge: Überfordern wir unser Kind, wenn wir keinen Helfer bestellen? In wieweit kann/darf ein Lehrer oder die Klassengemeinschaft aushelfen? Andererseits ist ein ständiger Helfer nicht notwendig.

Mittlerweile gibt es in Florentines Klasse einen Helferdienst, der ihr zur Seite steht, wenn sie Hilfe braucht. Außerdem haben wir für den Sportunterricht (Turnen und Schwimmen) einen Integrationshelfer bestellt. Der Pflegedienst kommt einmal am Vormittag und hilft beim Toilettengang. Da der Unterricht jetzt nicht mehr ausschließlich im EG stattfindet, wurde der Hausmeister gefunden, der den Etagentransfer übernimmt. Wir als Eltern sind für die Schulweghilfe zuständig. Das Organisieren von Integrationshelfer und Pflegedienst ist auch unsere Aufgabe. Am Nachmittag werden dann neben den Hausaufgaben noch verschiedene Therapien wie KG oder Reiten absolviert. Manchmal bleibt dadurch keine Zeit mehr zum Spielen.

Zum Schluss bleibt nur noch zu sagen, dass Florentine sehr gerne in die Schule geht und viele Freunde hier am Ort hat. In ihrer Klasse sind nicht nur sanftmütige und brave Schüler. Nein, es gibt durchaus auch wilde Mitschüler und kleine Rabauken. Und doch ist es eine ganz klare Sache für diese Klasse, dass jeder seine Stärken und Schwächen hat und jeder wird so akzeptiert wie er ist. Es gibt wenig Hänseleien und eine große Bereitschaft den Schwächeren zu helfen. So etwas wünscht man sich doch eigentlich für alle Schulklassen.

(Fam. Schlecht aus Ostfildern, April 2010)